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Tag 6 (06.06.2022): Von Masi nach Guovdageaidnu

Tageskilometer: 66,51 Km

Tageshöhenmeter: 525 Hm

Gesamtkilometer: 367,90 Km

Gesamthöhenmeter: 3.708 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 47,60 Km

 

Am Morgen scheint die Sonne. Ich stehe schon mal viel leichter auf als die letzten Tag. Da habe ich mich etwas überwinden müssen, bis ich auf dem Fahrrad saß. Es ist locker bewölkt, aber der Wind ist frisch. Auf Regenkleidung kann ich heute verzichten.

 

Das Frühstückt besteht aus 250g Studentenfutter und einer Flasche Wasser.

 

Irgendwie hoffe ich heute auf Abwechslung. Ich weiß nicht genau was es sein soll; abwechselnde Landschaften, interessante Begegnungen? Mal sehen, was der Tag so bringt.


Ich fahre weiter auf der E45 entlang. Die Straße ist weiterhin schier endlos. Es begleitet mich weiterhin eine Mischung aus Seen, die dann wieder zu Wildwassern werden und unendliche Wälder mit kleinen verkrüppelten Birken. Eines hat sich allerdings geändert. Ich sehe keinen Schnee mehr. Von der erhofften Abwechslung ist erstmal weit und breit nichts zu sehen.

Am Straßenrand stehen immer wieder Schilder, von wo aus mit Schneemobilen von der Straße in den Fjäll, das Outback, gefahren werden darf. Wer sich nicht dran hält, landet ganz schnell in einem zugeschneiten Fluss oder See oder er überschlägt sich im Straßengraben, was auch nicht lustiger ist. 

Also, hier geht's auf alle Fälle nicht nach Niederlauterbach😜. Die Ortsnamen sind für unsereinen nicht mehr zu lesen, geschweige denn auszusprechen. Für mich klingt das schon ziemlich finnisch.
Also, hier geht's auf alle Fälle nicht nach Niederlauterbach😜. Die Ortsnamen sind für unsereinen nicht mehr zu lesen, geschweige denn auszusprechen. Für mich klingt das schon ziemlich finnisch.
Für den winterlichen Zeitvertreib gibt's die eigene Skisprungschanze für jung und alt hinter dem Haus.
Für den winterlichen Zeitvertreib gibt's die eigene Skisprungschanze für jung und alt hinter dem Haus.
Die Urbevölkerung Laplands, die Sami (Sumpfleute), leben teilweise in ihren Zelten, wenn sie mit ihren Rentierherden mitwandern oder auf Elchjagd gehen..
Die Urbevölkerung Laplands, die Sami (Sumpfleute), leben teilweise in ihren Zelten, wenn sie mit ihren Rentierherden mitwandern oder auf Elchjagd gehen..


Ich komme in Guovdageaidnu ( auch ein toller Name) in meinem Hotel "Goldin" an. An der Tür ist ein Schild angebracht: Wenn keiner da ist - einfach anrufen! Ich rufe an und die Mailbox geht ran. Ich babble drauf, dass ich angekommen bin. Nachdem keiner kommt, schaue ich mich kurz um. Der Platz vor dem Hotel ist etwas schocking für mich. Links davon steht noch ein Haus, gegenüber eine Werkstatt mit Garage. Überall sieht es sehr unaufgeräumt aus. Nachdem die Sonne scheint, macht es mir nichts aus, dass keiner kommt. Laut Schild ist spätestens um 15:00 Uhr jemand da. Ich setze mich auf die Terrasse in die Sonne, gönne mir einen Schokoriegel und mein mit Magnesium angereichertes Wasser. Danach schlafe ich schön ein.

 

Auf einmal kommt aus dem Haus links vom Hotel ein Mann, ca. 30 Jahre jung, ein muskulöser Naturbursche und sehr freundlich. Er stellt sich als Nils vor und ich mich natürlich als Wolfgang. Er entschuldigt sich, dass er und seine Frau die Nachricht nicht mitbekommen hätten. Ich sage ihm, dass das alles kein Problem ist und ich die Sonne genossen habe.


Wir gehen ins Hotel und auf einmal ist alles ganz anders. Das Hotel ist tip-top gepflegt. Die Küche, das Esszimmer, das Bad im Erdgeschoss und mein Schlafzimmer im Obergeschoss sind sehr schön eingerichtet. Ich blicke von meinem Zimmer aus auf den Schuppen, in dem mein Fahrrad zum Laden steht, und dahinter auf dem Fluß, der von Birkenwäldern eingesäumt ist. Der Zimmerschlüssel ist stilecht aus einem Rentierknochen gemacht, auf dem Utsikten steht, was auf deutsch Aussicht bedeutet.

 

Nils ist ein richtig freundlicher Typ. Ich merke, dass das Hotel der Stolz von ihm und seiner Frau ist. Er führt mich rum und zeigt mir in der Küche der Kühlschrank, das Waffeleisen und die Kaffeemaschine. Ich kann mich jederzeit bedienen.

 

Auf die Frage, ob es ein Restaurant in der Nähe gibt, antwortet er mir, dass heute Feiertag ist und nicht wisse, ob eines geöffnet hat. Er bietet mir tatsächlich an mit dem Auto die Restaurants abzuklappern und mich wieder abzuholen, wenn ich mit dem Essen fertig bin. Diese Hilfsbereitschaft ist umwerfend, aber ich werde mir nachmittags ein paar Waffeln und eine Tasse Kaffee gönnen. Am Abend gibt's dann nochmal Outdoornahrung.

 

Später lerne ich Nils Frau, Anne Laila, kennen. Sie ist genauso herzlich wie Nils und wir kommen sofort ins Gespräch. Von Nils erfahre ich später, dass sie Sami sind. Bereits sein 10-jähriger Sohn hat einen 6 Monate alten Jagdhund, eine  spezielle Rasse für die Elchjagd, den er ausgebildet. Sie erzählen, dass sie gemeinsam mit Freunden jagen und fischen. Ich merke sofort, wie sehr sie mit ihrer Region und ihren Bräuchen verbunden sind. Das ist faszinierend und beeindruckend. Nils meint, ich solle im April mal wieder kommen. Da wird es schon wärmer, aber es liegt noch genügend Schnee um ausgedehnte Ausflüge mit dem Snowmobil zu machen.

 

Und jetzt kommt der Hammer des Tages: Als ich Anne Laila von meiner Tour de Chirurgie erzähle, bittet sie mich sofort, dass ich ihr Flyer zum Auslegen gebe. Es kämen oft deutsche Gäste zu ihr und denen wolle sie die Flyer zeigen. Und weil damit noch nicht genug ist, sagt sie mir, dass sie meine Hotelkosten von 65 Euro und die Kosten für mein Frühstück von 20 Euro an die Stiftung Chirurgie der TU München überweisen will. Ich weiß nicht was ich sagen soll - ich bedanke mich bei ihr sehr herzlich.

Unde jetzt gibt's noch leckere selbst gebackene Waffeln mit Erdbeer- und Himbeermarmelade und dazu ein Haferl Kaffee.

Morgen verlasse ich das erste Land meiner Tour, Norwegen, in Richtung Finnland.

 

Norwegen ist ein reiches Land. Es ist zum einen einer der größten Exporteuere von Öl und Gas und zum anderen hat es die größte E-Auto-Dichte der Welt; passt irgendwie nicht zusammen. Das Land hat große Wasservorkommen und dementsprechend ist Energie im Überfluss vorhanden. 

 

Ich bin dann durch die größte und nördlichste norwegische Provinz, Troms og Finmark, gefahren.

 

Diese Provinz ist geprägt von Kargheit ganz im Norden und dichter werdenden Wäldern im südlicheren Teil. Wasser ist allgegenwärtig. Weite Landstriche sind völlig unbewohnt. Übrigens ist hier oben die E-Auto-Dichte eher gering. Bei diesen weiten Entfernungen und den extremen Temperaturen im Winter verlassen sich die Menschen lieber auf Autos mit Verbrennungsmotoren. Die Menschen, die ich getroffen habe, leben hier im hohen Norden ihr Leben, waren aber immer sehr hilfsbereit und freundlich - so wie es mir der Grafiker-Bruder am zweiten Tag gesagt hatte. Ich bekam Hilfe, wann immer ich danach fragte. Für diese Hilfe wollte nie jemand irgendetwas haben, ganz im Gegernteil sind die Menschen sogar noch bereit, etwas von sich zu geben. Und sie interessieren sich für andere. - Was für eine Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin!

 

Die blau gefärbten Teile im Text sind Verlinkungen auf weitere Informationen. Von da aus könnt ihr euch bis ins Detail durchhangeln.

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Kommentare: 4
  • #1

    Martina (Montag, 06 Juni 2022 16:09)

    Hoffentlich gibt's sehr bald mal wieder was gscheits zum Essen!
    Ich freue mich jeden Tag, deinen Blog zu lesen und die Eindrücke so ein klein wenig mitzuerleben.

  • #2

    Wolfi (Montag, 06 Juni 2022 16:26)

    Morgen haben wieder alle Geschäft und Lokale geöffnet. Da gibt's bestimmt was Gscheits. Sonst schieß ich mir einen Elch.

  • #3

    Michael (Montag, 06 Juni 2022 20:50)

    Wow, da bist du ja schon ein gutes Stück vorangekommen und morgen geht's nach Finnland. Wenn man mal von den anfänglichen Problemen mit der Sattelstütze absieht, scheint momentan ja alles so zu laufen wie du es dir nur wünschen kannst...
    Wenn ich deine umfangreichen und interessanten Berichte lese und mir deine tollen Bilder anschaue, dann kommen bei mir die Erinnerungen an meine erste Skandinavien-Tour 1984 wieder hoch. Wir sind damals 15 Tage durch den schwedischen Nationalpark Sarek nach Norwegen gewandert, um dann über Svolvaer auf den Lofoten und später Narvik wieder nach Schweden und danach in südlichere Gefilde zurückzukehren. Irgendwo im Nirgendwo haben wir uns damals auch mal in einer improvisierten Kneipe ein Bier geleistet. Wenn ich mich recht entsinne, haben wir für 0,3l oder 0,4l Starköl umgerechnet 16 DM bezahlt. An dieser Preislage scheint sich bis heute nichts geändert zu haben.
    Genieße also weiterhin die Ruhe, die traumhaft klare Luft "da oben", die vielen visuellen Eindrücke und insbesondere die netten und hilfsbereiten Menschen in Skandinavien. Das alles gleicht hoffentlich die körperlichen Strapazen aus.

  • #4

    Claudia (Dienstag, 07 Juni 2022 19:14)

    Was für ein Genuss, deinen Block zu lesen und so "mitzureisen". Ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Etappen und bin schon sehr gespannt darauf. Es ist auch immer wieder beeindruckend und herzerwärmend zu lesen, wie unproblematisch und unaufgeregt dir alle helfen - man darf ruhig an das Gute im Menschen glauben :-)