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Tag 11 (11.06.2022): Von Äkäslompolo nach Pajala

Tageskilometer: 68,40 Km

Tageshöhenmeter: 342 Hm

Gesamtkilometer: 646,33 Km

Gesamthöhenmeter: 5.336 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 47,60 Km

 

Gestern Abend war ich noch gemütlich im Trend-Restaurant. Ich habe mich mit dem Eigentümer, einem jungen coolen Typen, unterhalten, dem zugleich die Waahto-Brauerei gehört. Die ist im Süden Finnlands, weil es da natürlich mehr zu verkaufen gibt als im dünn besiedelten Norden.  Zum Essen gibts Chicken Wings mit Pommes und ein IPA von Waahto. Auf dem Heimweg steht noch immer die Sonne hoch am Himmel, allerdings im Norden.

 

Heute Morgen findet sich am Frühstückstisch eine bunte Gruppe ein, die gleich fröhlich und angeregt untereinander plaudert. Es sind eine Lehrerer aus der Nähe von Helsinki, ein Vertreter für finnische Saunen, Mutter und Tochter aus Genf, Bea und Bram, die beiden Besitzer des B&B Adventures und ich.

 

Die Lehrerin macht Urlaub, weil in Finnland im Juni und Juli Sommerferien sind. Der Vertreter für finnische Saunen, ein älterer Herr, verbindet Urlaub mit Geschäftsreise. Mutter und Tocher aus Genf, die bereits im Winter mit Kindern und Mann hier Urlaub gemacht haben, wollen mal den Sommer sehen. Bea und Bram, daher der Name B&B Adventures, kommen ursprünglich aus der Nähe von Rotterdam, hatten bis vor 5 Jahren einen Segeljachtverleih in der Türkei und sind jetzt seit eben 5 Jahren hier in Äkäslompolo.

 

Nachdem ich einen Flyer für Bea mitgebracht habe, sind alle anderen sofort an meiner Tour interessiert und wollen auch Flyer haben. Ich hole die Flyer und sie fragen alle, ob man auf das unten stehende Konto direkt spenden kann. Ich bejahe das, sage ihnen aber, dass sie die Tour de Chirurgie-Website aufrufen sollen, da dort gleich oben die Instruktionen zum Überweisen stehen. Die Website sollen sie sich mit dem Translater im Webbrowser in ihre jeweilige Sprache übersetzen lassen. Alle wissen sofort Bescheid.

 

Wir unterhalten uns noch über verschiedenste Dinge, z. B. was in einem medizinischen Notfall passiert. Bea erklärt, dass es ein medizinisches Zentrum vor Ort gibt, in dem alltägliche medizinische Leistungen und Notfallmedizin erbracht wird. Im Notfall ist sehr schnell der Hubschrauber da und bringt den Patienten ins entsprechend richtige Krankenhaus. Das passiere aber maximal 5 mal im Jahr, meistens wenn sich Urlauber beim Skifahren die Beine brechen oder mit dem Snowmobile übertreiben. Bea lacht!

 

Ein weiteres interessantes Thema ist Sommer und Winter. Bram bevorzugt den Sommer, weil er dann draussen handwerklich richtig loslegen kann. Bea bevorzugt den Winter, weil sie im Sommer aufgrund der ewigen Helligkeit zwar müde ist, aber nicht schlafen kann. Ich frage, wie das denn im Winter mit der ewigen Dunkelheit ist, ob alles hell beleuchtet ist. Bea sagt, nein garnicht, der helle Schnee macht alles viel heller, als man glaubt. Und Schnee haben sie hier im Winter richtig, ca. zwei Meter im Schnitt und Temperaturen zwischen -20o C und -40o C. Die spüre man aber nicht, weil es eine trockene Kälte ist.

 

Über E-Autos lachen hier in der arktischen Region übrigens alle. Bram fragt mich - und die Antwort ist damit schon gegeben - was man hier oben bei Temperaturen von -20o C bis -40o C bitte mit einem E-Auto will, wenn vielleicht hinten auch noch ein schwerer Anhänger mit Brennholz oder einem Snowmobil dranhängt. Da würden die Batterien an sich schon versagen. Nein, hier oben setzt man ohne Wenn und Aber auf Benziner und noch mehr auf Diesel. Mit Winterdiesel ist alles easy.

 

Bea spricht noch an, dass bei Umfragen immer wieder rauskommt, dass die glücklichsten Menschen der Welt in Finnland und generell in Skandinavien wohnen würden. Bram meint verschmitzt, dass da aber keine Fragen gestellt werden wie "What about the moskitos in the summertime?"😜. Aber es stimmt schon. Die Lebensqualität hier ist sehr hoch, weil die Menschen mit allem, ihrer wertschöpfenden Arbeit, der Natur und dem Gefühl des weiten Bewegungsfreiraums, sehr zufrieden sind. Geld ist bei weitem nicht alles!

 

Was mir immer wieder sehr positiv auffällt ist, dass hier Einfahrten und Wege nicht zugepflastert werden. In Städten, leider auch München, ist diese Unart, die dem Schönheits- und Perfektionismuswahn geschuldet ist, an der Tagesordnung. Da muss man sich nicht wundern, wenn bei Starkregen das Wasser dort hinfließt, wo man es nicht braucht. Außerdem ist so ein Kiesweg einfach schöner anzuschauen als ein zugeteerter.

 

Ich muss hier im Winter mal her! Es muss ein tolles Erlebnis sein, diese arktische Landschaft und alle Aktivitäten, die hier so geboten sind, zu genießen. In das B&B Adventure würde ich sofort wieder fahren - einfach klasse!


Eines hatte ich heute überhaupt nicht auf dem Radarschirm: Wind. Schon klurz nach dem Start merke ich, dass der Wind extrem auf Südwesten bläst;genau in die Richtung fahre ich heute. Es ist der stärkste Wind überhaupt seit Beginn meiner Tour, aber eines ist ganz anders. Der Wind ist wärmer, und zwar so warm, dass ich nach nicht einmal 10 Kilometern meine Outdoorjacke ausziehe. Und bei Gegenwind kann man sich während der Fahrt problemlos die Nase schneuzen😜. Ich fahre weiter, genieße weiterhin die wunderschönen Landschaften und Straßen, die mir in der Ferne sagen "Da musst du hin!". Ohne Jacke ist es richtig angenehm, aber der Wind ist teilweise extrem heftig.

 Hier werden zukünftige Rally-Weltmeister gemacht.
Hier werden zukünftige Rally-Weltmeister gemacht.
Eine Straße wie ein Strich in der Landschaft.
Eine Straße wie ein Strich in der Landschaft.
Herrliche Flußlandschaft, eingesäumt von Bäumen - wie eine Postkarte.
Herrliche Flußlandschaft, eingesäumt von Bäumen - wie eine Postkarte.

 Schweden ist in Sicht.
Schweden ist in Sicht.
Vor dem finnischen Zoll brauche ich dieses Mal keine Angst zu haben. Die scheinen hier noch schlechter ausgerüstet zu sein als bei uns die Bundeswehr😜.
Vor dem finnischen Zoll brauche ich dieses Mal keine Angst zu haben. Die scheinen hier noch schlechter ausgerüstet zu sein als bei uns die Bundeswehr😜.
Die Grenzbrücke über den Fluß Saaripudas.
Die Grenzbrücke über den Fluß Saaripudas.
Der mächtige Fluß Saaripudas von der Mitte der Grenzbrücke aus.
Der mächtige Fluß Saaripudas von der Mitte der Grenzbrücke aus.

Die Tundra ist mal karg und sumpfig ...
Die Tundra ist mal karg und sumpfig ...
... und dann wieder wunderschön mit fetten Blumen.
... und dann wieder wunderschön mit fetten Blumen.

Kurz vor Pajala führt die Brücke über den Fluß Torne älv
Kurz vor Pajala führt die Brücke über den Fluß Torne älv
Das beschauliche Pajala am Torne älv.
Das beschauliche Pajala am Torne älv.

Um die Mittagszeit komme ich am Hotel Smedjan an. Ich komme zwar rein, aber die Tür zur Rezeption ist verschlossen. Ich rufe also den Mann an, mit dem ich gestern telefoniert habe. In 5 Minuten ist er da. Der freundliche ältere Herr und ich wickeln kurz das Geschäftliche ab. Das Gespann kann ich über Nacht in der Lobby abstellen, obwohl eh keiner was klauen würde. Frühstück gibt's dann morgen ab 7:00 Uhr. Das Zimmer ist schön mit Doppelbett und schönem Bad. Ich gehe mal davon aus, dass das Frühstück morgen auch in Ordnung ist. Also, für Norbottens län mitten in der Tundra gibt's einen Daumen nach oben.


Norbottens län? Obwohl sich Lappland im Westen Schwedens noch weit nach Süden erstreckt, habe ich es verlassen und bin jetzt in der Provinz Norbottens län, weil ich in östlicher Richtung unterwegs bin. 


Nachdem ich meinen Blogeintrag für heute erledigt habe, schlendere ich so durch Pajala. Nachdem ich noch nicht gegessen habe, gehe ich in die Pizzeria "Palermo". Ein freundlicher Libanese empfängt mich, wir quatschen ein wenig und dann bestelle ich mir eine Capricciosa und eine Cola; schmeckt original wie beim Italiener daheim.

 

Ich schlendere noch etwas weiter und gehe in den in Lappland weit verbreiteten ICA-Supermarket. Nachdem ich das offene Süßwarenregal gesehen hatte, war's um mich geschehen. Ich stelle mir eine nette Kollektion zusammen, schmeckt auch wie bei uns daheim.

Während ich heute an einem sonnigen Samstagmorgen so dahinradle, denke ich an die Zeit, als ich im Krankenhaus lag. Ich beame mich gedanklich in mein damaliges Zimmer und denke mir, wer da wohl im Moment liegt.

 

Ich denke an meine ersten Schritte, wie es mir besser und besser ging, wie ich zum ersten Mal wieder Fahrrad fahren durfte oder in die Berge ging.

 

Die Ärzte und Pfleger haben alles getan, damit ich wieder gesund werde, und ich habe meinen Teil dazu beigetragen. Sonst wäre es ja nicht gegangen.

 

Jetzt radle ich hier fröhlich durch die große weite Welt und bin dankbar. Ich wünsche allen, die jetzt in einer ähnlichen Situation sind, wie ich es war, dass es ihnen bald wieder besser geht. "Also, NIEMALS AUFGEBEN UND DAS RAD IMMER SCHÖN AM LAUFEN HALTEN!"

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Kommentare: 1
  • #1

    Janine (Sonntag, 12 Juni 2022 00:07)

    Das sind nette Gedanken und Wünsche �