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Tag 18 (18.06.2022): Von Norrböle nach Ånäset

Tageskilometer: 64,10 Km

Tageshöhenmeter: 429 Hm

Gesamtkilometer: 1.133,45 Km

Gesamthöhenmeter: 8.147 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 47,60 Km

 

Heute, am 18. Juni, ist für mich wie jedes Jahr ein ganz besonderer Tag: Heute vor 7 Jahren wurde ich zum ersten mal operiert und ich nenne diesen Tag meinen 2. Geburtstag neben meinem eigentlichen. Dazu später noch mehr....

 

Gestern Abend hatte ich noch ein richtig tolles Essen. Ich war im Asia-Restaurant Sen, und es gab gedämpft Dumplings mit Garnelenfüllung und Teriyaki-Soße als Vorspeise und als Hauptgericht ein thailändisches Hähnchencurry mit Brokkoli, Champignons und Reis; dazu ein Lagerbier namens Tiger aus Singapur. Das alles zusammen war ein Gaumenschmaus. Das habe ich danach auch der freundlichen asiatischen Köchin gesagt und sie hat vor Freude bis über beide Ohren wie ein Honigkuchenpferd gegrinst.

 

Ich hatte gestern übrigens ganz vergessen, dass ich von Norrbottens län in die Provinz Västerbottens län gewechselt bin - so schnell geht's.

 

 Heute ist es regnerisch und kalt. Es gibt zwar keine so anregende Frühstücksrunde wie im B&B Adventures in Äskälompolo - alle sitzen getrennt und schweigsam da und schauen, was das schwedische Frühstücksfernsehen so zu bieten hat -, aber es gibt ein fantastisches Frühstück.

 

Nach den letzten Tagen stürze ich mich auf das Buffet. Es gibt zwei Tassen Kaffee, zwei lauwarme Käsesemmeln, Speck, Käse, Rührei, jeweils zwei Portionen gebeizeten Lachs und Garnelencocktail (sowas von fein), drei Knäckebrot, Butter Marmelade und zum Schluß ein Croissant. Ein Zimtschnecke hat leider nicht mehr reingepasst. Der kleine Bayer meldet sich wieder und meint: "Gell, heid Middog gibt's vei dann nix mehr, hast mi?" Ich halte mir mit einem "Schau ma moi!" noch ein Hintertürchen offen🤣.

 

Übrigens, wer was das Ausdrücken von Tomatenmark- und Senftuben betrifft, genauso ein Fetischist ist wie ich, der muss einfach begeistert sein von diesem Gerät. Die schwedische Lösung am Hotelbuffet ist eine mega-schwere handbetriebene Maschine, die alles rausholt. Da kann die Tube von Glück reden, wenn von ihr noch was übrig bleibt.

 

Ich checke aus und habe noch ein schönes Gespräch mit der freundlichen älteren Dame an der Rezeption. Sie meint, Regen wäre auch mal schön, und ich stimme ihr zu; insbesondere, wenn ich an die 35o C denke, die es gerade bei uns daheim hat. Ich frage sie, ob denn hier auch was vom Klimawandel zu spüren sei. Sie kommt aus dem Süden Schwedens, und ja, der Klimawandel ist spürbar. Während in ihrer Kindheit und Jugend im Winter viel Schnee lag, gibt es heutzutage fast keiner mehr.

 

Ich radle los, eingepackt in meine Regenklamotten inklusive neonfarbenen Überschuhen, und nach zwei Kilometern stoße ich auf eine Straßensperre wegen Bauarbeiten. Bisher ging es dann immer noch einspurig weiter, aber hier geht garnichts mehr. Die Straße ist mit einem schweren Tor gegen Durchfahren gesichert. Da komme selbst ich mit meinem Gespann nirgends durch. Ich finde eine Umleitung und weiter geht's.

 

Seit meiner Abfahrt in Överkalix treffe ich am Straßenrand immer wieder auf stationäre Blitzgeräte, die davor aber immer mit einem Schild angekündigt werden. Ich frage mich, warum es sowas nicht auch viel öfter bei uns in Deutschland gibt.

 

Ich fahre übrigens mit der Restakku-Kapazität von gestern los. Meine Frau würde wahrscheinlich von bodenlosem Leichtsinn oder ähnlichem reden, so durch diese Wildnis zu fahren. Es soll ja Menschen geben, die schon in Panik verfallen, wenn sie in München mit 15% Restakku auf dem Smarphone außer Haus gehen müssen😱Aber ich habe nach der Pippi Langstrump-Formel

 

2 x 3 macht 4

Widdewiddewitt

und 3 macht Neune

 

ausgerechnet, dass ich locker ans Ziel kommen müsste, und so ist es dann auch. Tja, in Plutimikation bin ich halt ganz gut👍.

 


Den ganze Tag begleitet mich der Regen, aber es macht mir nichts aus. Auch das trübe Wetter kann den wunderschönen Landschaften nicht ihren Zauber nehmen. Ich genieße immer wieder herrliche Ausblicke. Morgens habe ich bei Regen und 11o C natürlich auf Sonnencreme und Mückenschutzmittel verzichtet - ein Fehler, zumindest, was das Mückenschutzmittel betrifft. Wer meint, dass die Biester am Samstag und noch dazu bei diesen Wetterbedingungen Pause machen, hat sich getäuscht. Die machen tatsächlich 7x24. Da kann sich der Fahrradhersteller mal eine Scheibe abschneiden. Auf alle Fälle werde ich mich morgen wieder mit dem Mückenschutzmittel wappnen. Ich will schließlich nicht wie ein 16-jähriges pickliges Pubertier in der Gegend rumfahren.


Mittags komme ich am Lufta Camping und Restaurang an. Ich wickle mit der freundlichen Damern an der Rezeption das Geschäftliche ab. Abendessen gibt es bis 20:00 Uhr. Nachdem ich die letzten 20 Kilometer über einen holprigen und teilweise lehmigen Schotterweg durch den Wald geholpert bin, schaut das Gespann entsprechend aus. Meinen Packsack muss ich erstmal mit einem Lappen grundreinigen, bevor ich ihn öffnen kann. Hydda 6 hat außen keinen Stromanschluß. Also baue ich erst den Akku aus dem Oberrohr aus und decke die Mulde mit einer Plastikfolie ab. Es regnet ja weiter in Strömen. Dann heize ich erstmal die Hütte ein; es gibt wieder Elektroheizung. Nach dem Laden, baue ich den Akku wieder ein und lade den zweiten Akku aus dem Unterrohr. Heute brauche ich wieder meinen Schlafsack und mein aufblasbares Kopfkissen, denn das Bettzeug aus der Hütte nehme ich nie her. 

 

Das Abendessen war übrigens ein Gedicht. Das Restaurang scheint bekannt für seine gute Küche zu sein. Denn am Abend füllt es sich bis auf den letzten Platz. Bei mir gibt es als Vorspeise eine Paté von Schrimps mit Saiblingskaviar und Toast, als Hauptgang ein Duett vom perfekt gegrillten Schwein und Rind mit gegrilltem grünen Spargel und French Fries und als krönenden Abschluß eine Crispy Mousse mit Västerbooten Chees und Vanilleeis, dazu ein extra für den Campingplatz gebrautes IPA. Das war das beste Menü seit dem Start meiner Tour, und das darf am sogenannten 2. Geburtstag auch sein!

Aber nun zum 18. Juni 2015. Um 14:00 Uhr ging es los. Ich lag in meinem Zimmer, nennen wir es Raum 1, als ich für meine OP abgeholt wurde. Ich wurde von meinem Bett durch eine Schleuse auf eine schmale fahrbare Liege umgebettet.

 

Somit war ich in Raum 2. Die Pfleger der OP-Vorbereitung waren äußerst fürsorglich und haben beruhigend auf mich eingeredet. Irgendwann wurde ich dann in einen OP-Vorbereitungsraum geschoben, in dem ich dann aufrecht auf dieser Liege saß.

 

Ich war in Raum 3 angekommen. Dann kam eine Ärztin schnellen Schrittes herein und stellte sich eindrucksvoll vor: "Guten Tag Herr Bär. Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Hammer und ich werde jetzt den Bären erlegen!" Ein guter Scherz vor einer OP, bei der es um Alles oder Nichts geht, kann nie schaden🤣. Gesagt, getan, hatte mich Frau Dr. Hammer erledgt.

 

Ohne Einspruch einlegen zu können, landete ich jetzt im OP und somit in Raum 4 meiner Reise. Dort übernahm dann Herr Prof. Wilhelm. Mit mehreren geübten Schnitten an meinem Bauch machte er sämtliche Ambitionen meinerseits auf eine Karriere als Unterhosenmodel zunichte😨🤣. Dafür hat Herr Prof. Wilhelm mit das Leben gerettet.

 

Als ich irgendwann in der Nacht aufwachte, beugte sich eine Intensivpflegerin über mich und fragte mich, wie es mir ginge. Ich war in Raum 5 angekommen. Man kann auch ohne eigenes Zutun ganz schön rumkommen. Ich sagte ihr, - losgelöst von Raum und Zeit - dass ich so großen Durst habe. Sie meinte, dass sie mir nichts zu trinken geben dürfe, sprühte mir aber mit einem Spray aus ätherischen Ölen in den Mund, was sooooo gut tat. Immer wieder sagte ich der sich liebevoll und fürsorglich um mich kümmernden Intensivpfelgerin, dass ich so großen Durst habe. Jedes Mal sprühte sie mir mit dem Spray in den Mund und bat um Verständnis, dass sie mir leider nichts zu trinken geben dürfe. Das war die längste Nacht meines Lebens! Am Morgen hieß es dann, dass ich wohl wieder auf mein Zimmer verlegt werden könne. Die wunderbare Pflegerin drückte mir noch den Spray mit den ätherischen Ölen in die Hand, weil ich laut ihr auch weiterhin erstmal nichts zu trinken bekommen würde👏🤗.

 

Für mich ging die Reise wieder zurück zum Startplatz, nämlich ins Zimmer 1, "meinem" Zimmer. Dort war nach einer schlaflosen Nacht, in der sie noch spät nach meiner OP mit Herrn Prof. Wilhelm telefoniert hatte, meine Frau an meinem Bett. Herr Prof. Wilhelm kam auch noch dazu (der schläft wohl nie!), um nach mir zu sehen.

 

Danach ging eine monatlelange Rekonvalesenz los. Ein Highlight war, als ich nach 8 Wochen bei einer Nachungtersuchung in der Ambulanz die Mitteilung bekam, dass ich langsam wieder mit Fahrradfahren beginnen dürfe. Da bin ich heim, habe mich umgezogen und bin mit meiner Zeitfahrmaschine 20 Minuten auf meiner Rolle gefahren - bis dahin der schönste Tag meines Lebens. Von Tag zu Tag steigerte ich mein Trainingspensum und fühlte mich glücklich und bald wieder richtig fit😀🚴‍♀️.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Inge (Samstag, 18 Juni 2022 21:37)

    Jeute Abend denken wir ganz besonders an Dich
    Herzliche Grüsse vom Chiemsee

  • #2

    Werner (Samstag, 18 Juni 2022 22:25)

    Ja ,Schweden ist ein sehr schönes Land auch bei Regen.
    Die Maschine für die Tuben müsste auch für Zahnpastatuben geeignet sein.
    Deine Berichte verfolgen wir immer sehr intensiv.Dann radel mal die nächsten 1000 Kilometer runter.

  • #3

    Rob (Sonntag, 19 Juni 2022 07:47)

    Sehr schöner und emotionaler Beitrag, verstehe dass der 18.6 wohl immer etwas besonderes sein wird. Ich freue mich dass alles wieder gut ist.

    Geniess weiterin die tolle reise, wir bleiben dran !!

    Hier sind 33 Grad heute..pfff

    Viele Grüße aus Landsberg

  • #4

    Wolfi (Sonntag, 19 Juni 2022 17:51)

    Hallo ihr Lieben,
    herzlichen Dank für eure guten Wünsche!
    Genießt euer Leben - auch bei der Gluthitze. Da kann man ja auf verschiedene Art und Weise Abhilfe schaffen.