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Tag 19 (19.06.2022): Von Ånäset nach Umeå

Tageskilometer: 80,69 Km

Tageshöhenmeter: 538 Hm

Gesamtkilometer: 1.214,14 Km

Gesamthöhenmeter: 8.685 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 47,60 Km

 

Es hat die ganze Nacht durch heftig geregnet. Am Morgen regnet es kontinuierlich weiter. Es ist naß und kalt, mit einem Wort ungemütlich. Da hoffe ich, dass mir der Glücksschlüsselanhänger und der Glücksbringer meiner Frau im Laufe des Tages schöneres Wetter bescheren.

 

Frühstück im klassischen Sinn gibt's keines, weil es hier eben keines gibt. So frühstücke ich 200 Gramm Studentenfutter und eine halbe Falsche Wasser. Das kenne ich zwar normalerweise an einem Sonntag anderes, so mit frischen Semmeln, Frühstücksei und so weiter, aber hilft ja nix.


Regendicht verpackt in meine Regenklamotten, die wirklich keinen Tropfen durchlassen, radle ich los. Zuerst auf der Landstraße aber den ganzen Tag über auch immer wieder auf ruppigen Feldwegen mit tiefen Schlaglöchern. Von den 80 Kilometern heute sind 25 Kilometer solche Pisten. Mein Navi ist ein Fahrradnavi und da wo es geht, leitet es mich eben abseits der großen Straßen. Das macht es ausgezeichnet und weicht von dieser Strategie nur dann ab, wenn es garnicht mehr anders geht. So musste ich heute 5 Kilometer auf der Autobahn E4 fahren, was in Schweden erlaubt ist, aber es ist alles andere als ein Spaß. Bei diesem Wetter auf der teilweise einspurigen Autobahn von einem 40-Tonner überholt zu werden und dann seine Gischt abzubekommen, ist nix für schwache Nerven. Ich bin froh, als ich nach diesen 5 Kilometern wieder auf einen Feldweg einbiegen kann. So fahre ich mehr geschüttelt als gerührt dahin und denke mir: "Besser wie die Autobahn ist es allemal!"


Ich fahre wieder ewig lange durch fast nicht besiedelte Gebiete, hi und da mal ein Bauernhof oder eine kleine Ansiedlung. Beim Überqueren des Flusses Rickleån mache ich auf der Brücke eine kleine Pause. Dabei sticht mir der rießige Findling auf der Insel in der mitte des Flusses ins Auge, der die Größe eines Einfamilienhauses hat. An solchen Kolossen komme ich immer wieder vorbei. Die Bauern arbeiten auch am Sonntag. Das ist natürlich nicht anders als bei uns daheim.


Heute habe ich den zweiten vollen Regentag. Das ist überhaupt kein Problem, aber die extrem langen Strecken auf den matschig-dreckigen Feldwegen verdrecken das gesamte Gespann und auch meine Packtasche. Diese ist zwar absolut wasserdicht, aber öffnen kann ich sie erst, wenn ich sie außen einigermaßen sauber gemacht habe.

 

Außerdem kriecht der Dreck in alle Ritzen des Fahrrads und des Anhängers. Ich muss morgen unbedingt eine Gelegenheit finden, um das Gespann mal mit Wasser abzuspritzen. Nachdem ich morgen wieder auf einem Campingplatz übernachte, hoffe ich, dass das dort möglich sein wird.

 

 

Nach der ersten und einzigen Riegelpause sind es noch kanpp 25 Kilometer bis zu meinem heutigen Etappenziel. Es hört zu regnen auf, und der Rest der Strecke ist ein Fahrradweg neben der Autobahn E4.

Mittags nach einer eher langweiligen und wegen des Drecks nervigen Fahrt komme ich in der Residenz- und Universitätsstadt Umeå an. Mein Hotel, das u&me (eine Trunkierung von you&me) ist eingebettet in historische Gebäude und sieht von außen aus wie ein Weltraumbahnhof oder wie auch immer, auf alle Fälle hypermodern.

 

Im Hotel gibt es keine (!) Rezeption. Ich muss wie am Flughafen mit meinem Buchungscode an einem Terminal einchecken. Damit kann ich mir dann in Selbstbedienung meine Zimmerkarte, die stylisch aus Holz ist, erstellen. Ich muss auch gleich meine gewünschte Uhrzeit für das Frühstück eingeben.

 

Ich sehne mich wieder nach den fröhlich-freundlichen Begrüßungen meiner Gastfamilien in Lappland, mit dem Lächeln in ihren Gesichtern, den angeregten Gesprächen und der Herzlichkeit, die sie ausstrahlten. Ich habe schon den einen oder anderen Kurs in den Herrmannsdorfer Landwerkstätten gemacht (z. B. Frische Weißwürste und Brezen selber machen), und dort hängt an der Wand eine Tafel, auf der steht: "Wann hört Fortschritt auf, Fortschritt zu sein?" Im Falle eines solchen Hotels kann ich für mich ganz klar sagen: "DIESE Art von Fortschritt will ich nicht!"😱 Was ist denn das für eine new hotel culture, wenn der Gast nicht einmal mehr begrüßt wird?

 

Im Zimmer angekommen (mit der dreckigen Tasche hätte mich das Personal an der Rezeption vielleicht garnicht nach oben gelassen🤣.), stelle ich zuerst meine Packtasche in die Badewanne und spüle sie sorgfältig ab, dann noch ein paar kleinere Sachen wie meine Regenüberschuhe.

 

Dass es in so einem modernen Stadthotel keine Steckdosen an der Außenwand gibt, ist ziemlich klar. Und so hole ich noch beiden Akkus ins Zimmer, um ihnen hier wieder zu voller Kraft zu verhelfen.

 

Morgen hoffe ich in erster Linie nicht auf besseres Wetter, sondern auf anständige Straßen und Wege.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Michael (Sonntag, 19 Juni 2022 21:39)

    Es ist ja interessant, dass sich der Eindruck mit den netten und hilfsbereiten Menschen in Nord-Skandinavien so deutlich geändert hat, nachdem du mittlerweile in Schweden weit vorangekommen bist.
    Über das "quasi voll-automatische" bzw. "quasi voll-automatisierte" Hotel in Umeå kann man eigentlich nur schmunzeln. Die Entwicklung des Menschen zum Roboter ist halt noch nicht weit genug vorangeschritten, um so ein Hotel schön zu finden.
    Dagegen mutet der Service deines Premium-Fahrradherstellers geradezu "menschlich" an: "Alle (!) sind in einer Schulung" & "Heute ist keiner mehr da" �. Da muss man ja wirklich Respekt vor den "Biestern" haben. Die machen auch am Wochenende tatsächlich 7x24. Und richtig: Da kann (- oder besser - könnte) sich der Fahrradhersteller mal eine Scheibe abschneiden. Deine Benotung dieses Services mit "Saftladen" fällt da allerdings viel zu gut aus.
    Trotzdem vermitteln deine Bilder einen tollen Eindruck von der Natur, in der du dich bewegst. Gut, dass du deine schwere Operation so gut überstanden hast. Nach Regentagen werden auch wieder Sonnentage kommen.
    Ich bin weiterhin gespannt, was du alles noch erleben wirst...

  • #2

    Wolfi (Sonntag, 19 Juni 2022 22:05)

    Servus Michael,
    es freut mich sehr, wieder von dir zu hören.
    Ich erlebe so einiges, wie unterschiedlich die Welt doch sein kann. Das macht meine Tour spannend und leert mich noch mehr, mit allen möglichen Situationen umzugehen.
    Ich hoffe, dir geht es gut, und demnächst telefonieren wir einfach mal miteinander.