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Tag 46 (16.07.2022): Von Lübz nach Havelberg

Tageskilometer: 85,91 Km

Tageshöhenmeter: 336 Hm

Gesamtkilometer: 3.050,67 Km

Gesamthöhenmeter: 20.999 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 101,25 Km

 

Gestern Abend lag ich so im Bett, auf dem Knie ein Eispack und habe gehofft, mir innerlich Mut zugesprochen, dass ich morgen nicht mehr diese Schmerzen in meinem Knie habe und wieder voller Freude Fahrradfahren kann. Ich habe nämlich ein nächstes größeres Etappenziel, dass mir sehr, sehr wichtig ist.

 

Der gestrigen Abend war davor noch sehr vergnüglich. Der Hausherr, Dieter, saß im Gastraum und schnibbelte frisch aus seinem Garten gepflückte Bohnen zurecht. Es war 17:00 Uhr und ich hatte tierischen Hunger. Seit dem Frühstück gab es nur einen Riegel. Er meinte, dass dass Restaurant normalerweise erst um 17:30 Uhr aufmacht, aber man könne ja auch früher anfangen. Ich bestellte mir ein Bier und Würzfleisch mit Bratkartoffeln und gemischtem Salat. Es gesellte sich noch Herr Klauß dazu, der mit dem Motorrad aus der Nähe von Berlin angereist war, um morgen zum Spiel FC St.  Pauli gegen den 1. FC Nürnberg nach Hamburg zu fahren. Sein Sohn ist nämlich der Cheftrainer beim Club, Robert Klauß. So unterhielten wir uns locker flockig über alles mögliche und irgendwann klinkte ich mich mit einem neuen Eispack für mein Knie aus.

 

Vor dem Frühstück packe ich das Gespann fertig. Während des Frühstücks plaudere ich noch etwas mit Herrn Klauß und Dieters Tochter. Dieter hat mir gestern noch voller Stolz erzählt, dass man jetzt seit drei Wochen bei ihnen auch mit Karte bezahlen kann. Darüber würde sich im nördlichsten Lappland jeder Sami kringelig lachen🤣. Nach dem Frühstück fahre ich los und hoffe so sehr, dass mein Knie mitspielt.


Das Knie schmerzt nach kurzer Zeit, wird aber im Laufe des Tages eher besser. Ich kann jetzt auch fühlen, dass die Schwellung zurückgeht und alles langsam grün und blau wird - ein gutes Zeichen👍.

 

Mein Weg führt über Straßen, die wohl von der Patchwork-Gang asphaltiert wurden, aber richtig schön einsam sind und mich an malerischen Landschaften vorbeiführen. Ein beträchtlicher Teil meines Weges führt mich auch über Feld- und Waldwege, auf denen ich das Bullenreiten🦬 fürs nächste Rodeo trainieren kann. Ich weiß zwar, dass das Navi nicht von hier ist, aber ein bischen schönere Wege könnte es schon aussuchen für mich. Auf alle Fälle komme ich so auf keine dummen Gedanken, weil ich mich voll konzentrieren muss.


Neben den unendlichen Getreidefeldern, die sich zwischenzeitlich mal mit Rüben- und Kartoffeläckern abwechseln, sind Windräder meine ständigen Begleiter. Was sage ich? Windräder? Ganze Windparks, die teilweise bis 50 Meter an die Straße heranreichen. Hören tue ich heute nichts, da der starke Wind alles übertönt. Die Windräder gibt es ja in unterschiedlichen Größen, aber die größten sind schon imposante Riesen. Was mich wundert, dass auch viele stillstehen. Brauchen wir die Energie nicht dringend?


Aber nicht nur die schönen Landschaften und interessanten Ausblicke gibt es zu sehen, sondern auch die Tristesse der vergangenen Zeit, die leider immer noch an vielen Orten übrig geblieben ist; heruntergekommene Häuser, teils baufällig oder gar Runinen, ehemalige Betriebsgelände, die schon lange niemand mehr nutzt. Aber auf meinem Weg sehe ich auch zufällig einen Lichtblick, das Storchennest in luftiger Höhe.


Zur Mittagszeit laufe ich dann in meinem heutigen Etappenziel Havelberg ein und habe damit - so würde der Ossi sagen - von Mecklenburg-Vorpommern nach Sachsen-Anhalt rübergemacht.

 

Das Navi will mich zum Schluß über eine 20-stufige Steintreppe zu meiner heutigen Unterkunft lotsen, was ich ablehne. Hallo, ich bin Fahrradfahrer und kein Wanderer! Als ich so umherirre und zum dritten Mal am selben Haus vorbeikomme, frage ich die Leute, die davor im Garten arbeiten, ob sie mir sagen können, wo die Pension an der Havel ist. Der Mann interessiert sich sofort für mein Gespann und so kommen wir ins Gespräch, was ich so mache. Die beiden sind total begeistert und erzählen mir, wie wichtig ehrenamtliches Engagement ist und sie auch hier in Havelberg in den Vereinen und im Gemeinderat engagiert sind. Die beiden sind übrigens die Müllers. Ich sage ihnen, was für ein schönes Haus sie haben; das ist es nämlich wirklich. Sie meinen, das hat sie auch fünf Jahre harte Arbeit gekostet, aber jetzt ist fast alles fertig. Herr Müller bittet seine Frau, doch 20 Euro als Spende zu holen, die sie mir dann auch zusteckt. Dann erklären sie mir den Weg. Heute ist ordentlich was los, weil der Havelberg Triathlon zum ersten Mal nach Corona wieder stattfindet. Das Geld habe ich heute gleich an die Stiftung Chirurgie TU München überwiesen. Es ist einfach immer wieder wunderbar, und es geht mein Herz auf, dass es so viele tolle Menschen gibt, denen das Schicksal anderer auch wichtig ist🥰👏.

 

Mein Zimmer ist noch nicht fertig und die Dame des Hauses empfiehlt mir zum Mittagessen das Bilderbuchcafe. Wie sich herausstellen sollte, ein goldrichtiger Tip. Die saftige Estragon-Hähnchenbrust mit knackigem Gemüse und cremigen Tagliatelle sind hervorragend. Der Käsekuchen und der Caramel-Macchiato standen dem in nichts nach. Außerdem ist das Cafe richtig schön gemütlich eingerichtet und es gibt auch Accessoires und Bücher zu kaufen wie den bebilderten Reiseführer "In the Middle of Nüscht". Ich finde es Klasse, wie man hier aus Selbstironie was Tolles macht, an dem viele ihre Freude haben können.

In der Pension an der Havel, die tatsächlich direkt vis-a-vis des Hafelufers liegt, werde ich von der Dame des Hauses empfangen. Es ist ein altes, aber sehr gepflegtes Haus mit einem ebenso gepflegten Garten. Über Platz kann ich mich nicht beschweren. Ich habe so eine Art 2-Zimmer-Wohnung. Das Fahrad darf im absperrbaren Fahrradschuppen übernachten, der extra mit Steckdosen zum Laden ausgestattet ist. Besser geht's nicht.

Am Abend werde ich noch einen Rundgang durch die Stadt machen und zu Feier des Tages gibt's auch noch ein Bier oder zwei. Denn heute habe ich die Marke von 3.000 Kilometern überschritten.

 

Ich bin dankbar, dass ich soweit gekommen bin. Ich hoffe, dass mein Knie immer besser und besser wird, und ich hoffe, dass ich immer weiter und weiter fahren kann.

 

An dieser Stelle danke ich wieder einmal mehr allen, die mich und mein Spendenprojekt "Tour de Chirurgie" unterstützen. Vielen Dank!

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Kommentare: 9
  • #1

    Martina (Samstag, 16 Juli 2022 17:58)

    Oh Mann, Dein Mittagessen verbunden mit dem Grillduft auf meine Balkon hat mich jetzt so richtig hungrig gemacht �
    Du hast hoffentlich auch ein Lübzer in Lübz getrunken?!
    Weiterhin gute Reise und ich drücke die Daumen, dass es mit dem Knie weiter bergauf geht �

  • #2

    Janine und co (Samstag, 16 Juli 2022 18:49)

    Dann bist du ja jetzt im " Nü " Land angekommen....bei Michael u mir hat es nach unserem damaligen Umzug in den Osten lange gedauert, bis wir unsere sächsischen Gäste verstanden haben ...nur...�

  • #3

    nochmal Janine (Samstag, 16 Juli 2022 18:52)

    Das Schreibprogramm kann auch kein sächsisch und hat zum Schluss an meinen kommentar " nur" statt " nü " geschrieben....

  • #4

    Wolfi (Samstag, 16 Juli 2022 20:51)

    Hallo Martina,
    dem Knie geht es - glaube ich - immer besser. Das Lübzer Pils gab es natürlich gestern Abend. Als Biersommelier MUSS ich doch alles probieren.
    Liebe Grüße

  • #5

    Wolfi (Samstag, 16 Juli 2022 20:56)

    Hallo ihr Drei,
    nü, is schon gomisch hier. Rein sprachlich gann ich die schon alle verstehn, aber ansonsten sind die Leute vielfach eben "gomisch" im Sinne von seltsam. Aber ich mach ja bald nach Bayern rüber, nü!
    Liebe Grüße

  • #6

    Christoph (Sonntag, 17 Juli 2022 07:40)

    Hi Wofli,
    Gratulation für die 3000 und Dein Durchhaltevermögen in jeder Situation und natürlich auch für Deine immer interessanten Berichte. Ich bin auch einer Deiner Etappenleser und muss immer wieder auf Die aufholen und es ist immer eine Freude von Deinen Erlebnissen zu hören.
    Nur das Beste für Dich, Arm und Knie, Rad und Anhänger auf Deinen weiteren Kilometern wetierhin viel Glück, gutes Wetter und spannende Begegnungen und abwechslungsreiche Umgebungen.
    Servus
    Christoph

  • #7

    Harry (Sonntag, 17 Juli 2022 10:46)

    Servus Wolfi, genieße die wunderbaren ostdeutsche Biere. Papa „Da Tscharly“ hat sich immer gefreut wenn er zum Geburtstag eine Mischkiste aus Thüringen bekommen hat. Mit dem Knie drücken wir Dir die Daumen. Aber a Wolfi lässt sich nicht unterkriegen. Wünschen Dir noch auf Deiner Reise wundervolle Momente, die Du niemals vergessen wirst.
    Hast Du schonmal darüber nachgedacht, ein Buch über Deine Reise zu schreiben??
    Den Anfang mit Deinem wunderbaren erfrischender Beschreibung inkl. Bildern in Deinem Block hast du gemacht.
    Mach weiter so :-)
    Harry

  • #8

    Wolfi (Sonntag, 17 Juli 2022 19:29)

    Servus Christoph,
    ja, bisher habe ich schon viel erlebt und die vielen Zuschriften mit den Glückwünschen wie deiner heute freuen mich und lassen mich immer weiter und weiter fahren.
    Ich hoffe, dir und deinen Lieben geht es gut - das wünsche ich euch auf alle Fälle.
    richte auch den Kollegen viele Grüße von mir aus.
    Liebe Grüße

  • #9

    Wolfi (Sonntag, 17 Juli 2022 19:32)

    Servus Harald,
    habe heute auch schon an deinen Papa gedacht. Ich tue es ihm gleich und lasse mir das eine oder andere Bier schmecken, bisher aber in Sachsen-Anhalt. Bis Thüringen ist es noch ein bischen hin.
    Die Idee mit dem Buch finde ich gut. Während meiner Fahrten habe ich ja auch Zeit zum Nachdenken und da reift auch der eine oder andere Gedanke.
    Liebe Grüße an euch beide