Tag 70 (09.08.2022): Von Chalon-sur-Saône nach Digoin

Tageskilometer: 86,30 Km

Tageshöhenmeter: 665 Hm

Gesamtkilometer: 4.486,91 Km

Gesamthöhenmeter: 29.909 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 101,25 Km

 

Zu Abendessen freue ich mich auf ein 200 Gramm Steak Sirloin. Nachdem ich gefragt wurde, wünsche ich den Gargrad in medium. Dass es Frites und Salad dazugibt, halte ich wieder mal für ziemlich einfallslos. Wie wäre es denn mal mit einer Ofenkartoffel mit Sourcream und einem knackigen Sommersalat. Was ich bekomme, lässt den Hügel auf dem Grab von Paul Bocuse bestimmt noch weiter anwachsen. Das Steak hat mehr die Merkmale einer verbogenen Schuhsohle; ungefähr 0,5 Zentimeter dick, flachsig und sowas von totgebraten, dass es schade um das arme Charolais-Rind ist, dass dafür sterben musste. Der Salat ist ein lieblos angehäufter Rucola mit einer French Dressing-Pampe darüber. Das Beste auf dem Tisch war das Bier von Affligem, aber da kann ja der Koch nix dafür, dass das Bier so gut schmeckt.

 

Liebe Franzosen, vielleicht weiß ich ja nicht genau Bescheid, wo es eure so hochgelobte Küche gibt. Ich habe sie bisher noch nicht gefunden. Ich will mal schwer hoffen, dass ich dafür nicht in eines der Sterne-Restaurants gehen muss, um einigermaßen anständig zu essen. In Deutschland und Österreich isst man in jedem guten Landgasthof sehr gut. Sollte es jedoch so sein, dass die französische Küche auch in den kulinarischen Abgrund von Burgern, Pommes, Pizza und Kebab abgerutscht ist, dann können wir getrost daheimbleiben. Wie wär's denn beispielsweise mit dem Lohengrins, dem Paulaner Bräuhaus, dem Ayinger Bräu oder einer der Augustiner Wirtschaften!?

 

Nach dem Frühstück mit Müsli, Croissant, einem wunderbaren Hefekuchen und Kaffee fahre ich los, um mich nach ungefähr zwei Kilometer tierisch aufzuregen. Wie auch bei uns in Deutschland dürfen in Frankreich Jugendliche ab 15 Jahren den Führerschein für ein Auto machen, dessen maximale Höchstgeschwindigkeit 45 Km/h beträgt. Ich will gerade einen Zebrastreifen überqueren, als so ein Jugendlicher mit seiner überdachten Zündkerze daherkommt. Anstatt sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren, hat dieser auf bayrisch gesagt Volldepp sein Smartphone in der Hand, und hätte mich voll über den Haufen gefahren, wenn ich nicht für ihn mitgedacht hätte. Der kleine Bayer und ich stimmen völlig überein, dass "der Hanswurscht eine sauberne bayrische Watschn verdient hätt".

 

Naja, der Tag mit seiner noch angenehm frischen Luft und dem wunderbaren Sonnenaufgang sind es mir nicht wert, dass ich mich weiter aufrege.


Die Wege sind wieder fantastisch abgelegen. Zuerst strample ich auf dem V51a, der in einem Kreis die Tour de Bourgogne für Fahrradtouren darstellt. Herrlich abwechslungsreich gestaltet sich der Weg durch schattige Alleen, weite Blicke übers Land und zwei Anstiege, der Extraklasse, die meinen Puls auf 160 hochjagen. Das Land bleibt die gesamte heutige Tour über, bis auf kleinere Städtchen, wenig besiedelt. Hi und da mal ein heruntergekommener Bauernhof, auf dessen verdorrten Weiden die Charolais-Rinder weiden, wenn man das so nennen kann, Schon am späteren Vormittag verziehen sich die Tiere unter die schattigen Bäume.

 

Kurz vor Saint Desért verlasse ich den V51a und radle auf wenig befahrenen Nebenstraßen entlang.

 

Ab 11:00 Uhr durchfahre ich die letzte Zeit meistens die Schallmauer von 30o C. Dann wird's schon arg schweißtreibend und ich trinke und trinke.

Bei Montachin treffe ich meinen guten Freund, den EuroVelo 6, wieder. Aber unser gemeinsames Glück ist bei Montceau-des-Mines schon wieder vorbei.

 

Das ist nicht weiter schlimm, weil ich auf einer Alternative des EuroVelo 6 am Canal du Centre entlangradeln kann.

 

Das passt alles wunderbar, bis ich kurz vor Palinges den völlig übertriebenen Hinweis🤪 auf eine Durchfahrtssperre wegen einer Baustelle absichtlich missachte. Ich sehe die Bauarbeiten, und die Bauarbeiter sehen mich. Von weitem winken sie schon, um mir anzuzeigen, dass ich hier nicht durchkann. Ich ignoriere ihr Winken, bis wir uns treffen. Sie meinen auf Französisch, aber so dass ich es natürlich von der Gestik her verstehen kann, dass hier Ende Gelände ist. Ich stehe auf der Baustelle eines zukünftigen Autobahnzubringers. Nachdem ich ihnen sage, dass ich nur durch die 30 Meter entfernte Eisenbahnunterführung durchmuss, helfen sie mir, das Gespann durch den tiefen trockenen Bausand zu schieben, bis ich wieder Asphalt unter den Rädern habe. Da habe ich gut Glück gehabt, dass die Bauarbeiter mir die Durchfahrt ermöglicht haben, und dass es trocken ist. Ich möchte nicht wissen, wie ich und das Gespann aussehen würden, wenn es geregnet hätte.


Als ich so friedlich meinem Etappenziel kurz vor Digoin entgegenradle, sehe ich links von mir eine große Herde Charolais-Rinder. Ich denke mir, die schaue ich mir jetzt mal genauer aus der Nähe an. Wie im Zeitraffer traben sie langsam über ihre verdorrte Weide und kommen auf mich zu. Ich schau sie an, und sie schauen mich an. Dann geht ein fürchterlich lautes Gemuhe los, weil sie wahrscheinlich dachten, dass ich frisches Gras geladen habe. Dem ist aber leider nicht so. Was ich aber sehe, ist, dass die Landwirte tatsächlich Futterboxen für die Tiere aufgestellt haben, die mit Heu gefüllt sind. Ansonsten hätten die armen nichts zu fressen.

 

Nach ein paar Minuten ist mir das Gemuhe (laut Karl-Valentin-Logik müsste es ja eigentlich Gemühe heißen, weil es ja mehrere sind) zu viel des Guten und ich reite weiter.

 

An meiner Unterkunft dem instant de liberté werde ich von der Dame des Hauses freudig begrüßt. Als allererstes bietet sie mir einen eiskalten Eistee an, den ich liebend gerne annehme und runterzische.

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