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Tag 100 (08.09.2022): Von Mérida nach Medina de las Torres

Tageskilometer: 72,29 Km

Tageshöhenmeter: 651 Hm

Gesamtkilometer: 6.294,42 Km

Gesamthöhenmeter: 46.655 Hm

Gesamtkilometer Schiff: 101,20 Km

 

Am gestrigen Abend erlebe ich noch eine Überraschung. Im Hotel, in dem ich abgestiegen bin, trifft das Organisationsteam samt dem Rennsportdirektor und dem Rennarzt der Vuelta 2022 ein. Die Vuelta ist nach der Tour de France und dem Giro d'Italia das drittwichtigste Profiradrennen der Welt. Gestern wurde die 17. Etappe ausgefahren, die unweit von Mérida in Calera de Léon endete. Heute geht's dann mit der 18. Etappe ab Trujillo weiter. Die Leute schauen übrigens abgekämpft und müde aus. Das kann ich gut nachvollziehen, wenn man den ganzen Tag im Auto sitzt, um den Fahrern zu folgen.

 

Heute morgen schauen die Leute der Vuelta nicht lustiger. Der Profiradsport ist ein knallhartes Geschäft, und gut bezahlt sind die Jobs auch nicht.

 

Mein Weg führt mich über die Römerbrücke hinaus aus der Stadt. Ich folge wieder dem EuroVelo 1. Bis auf ein paar Kilometer holpriger Feldwege fahre ich nur auf der N-630. Die ist, wie schon die letzten Tage, wunderbar entspannt zu fahren.

 


Es ist angenehm zu fahren, da die Temperaturen nur bei 18o C bis 20o C liegen. Der Himmel ist im Westen mit sehr dunklen Wolken überzogen. Ich hoffe mal, dass da kein Gewitter aufzieht. So etwas wie auf der Fahrt von Burgos nach Palencia brauche ich nicht nochmal. Wenn die Sonne durch eine Lücke hindurchscheint, legt sie ein fast unwirklich wirkendes Licht auf die Weinreben und Olivenhaine. Die Olivenhaine sind übrigens teilweise gezogene Plantagen, teilweise aber auch sehr alter Baumbestand, in den dazwischen Weinstöcke gepflanzt wurden.

 

Die Landschaften sind geprägt von Schweinezucht sowie Wein- und Olivenanbau. Aus den Schweinen, die mit Eicheln gefüttert werden, wird der berühmte Jámon Ibérico, also der Iberische Schinken hergestellt. Dementsprechend riecht es auch manchmal auf meiner heutigen Etappe, und zwar nicht nach Schinken, sondern nach Schweinen. Bei der einen oder anderen Gelegenheit hatte ich schon das Vergnügen, den Schinken zu essen, der wirklich ein Genuß ist.

 

Ich fahre durch das Weinanbaugebiet Ribera del Guadiana. Auffällig ist, dass die Weinreben oftmals frei stehen. Das heißt sie sind nicht wie üblicherweise in Weingärten an Drähten oder Holzgestellen befestigt, sondern stehen wie Büsche da. Bisher habe ich auf meiner Fahrt durch Spanien nur rote Weintrauben gesehen, jetzt sind auch viele weiße zu sehen.


Wenn ich es nicht besser wüßte würde ich sagen, dass ich jetzt endgültig im Wilden Westen angekommen bin. Ich fahre durch Ortschaften mit Namen wie Villafranca de los Barros, Los Santos de Maimona und Puebla de Sancho Pérez.

 

Zu guter letzt komme ich an meinem heutigen Etappenziel Medina de las Torres an. Ich fahre im Zick-Zack durch enge Gassen bis ich vor meiner Unterkunft stehe. Die Häuser sind alle schneeweiß getüncht. Nur wenige bilden eine Ausnahme und sind farbig gestrichen.

 

Normalerweise dürfte hier der berühmte Hund begraben sein, aber dieser Tage spielt sich was ab in Medina de las Torres. Vom 07. bis zum 11. September finden die Feierlichkeiten zu Ehren von Nostra Señora de la Coronada statt. Kurz nach meiner Ankunft, ich bin gerade aus der Dusche gestiegen, zieht eine Blasmusikkapelle mit Trommlern am Haus vorbei. Später, als ich durch den Ort schlendere, füllt sich die Kirche. Die Menschen sind schick gekleidet. Es gibt einen feierlichen Gottesdienst. Auf dem Platz vor der Kirche sind Tische und Stühle und zwei Stände aufgebaut. Der Sponsor des Festes ist die Brauerei San Miguel. Die Leute trinken mehr Bier als Wein. Auf den Tischen liegen Karten, auf denen verschiedene Speisen stehen, die für Pensionisten verbilligt sind.

 

Neben Bieren von San Miguel habe ich bisher in Spanien nur noch Biere der Marke Estrella-Damm gesehen.


Meine heutige Unterkunft ist auch wieder was ganz besonderes. Es ist das La Posada, also auf gut Deutsch "Die Herberge". Den Namen darf man als ziemlich untertrieben ansehen, denn La Posada ist ein kleines Haus mit Küche, Wohnzimmer, Bad und Schlafzimmer. Der Flur ist ungefähr 15 Meter lang. Da hat das Gespann locker Platz. Es fehlt also an nicht.

 

An den Häusern hängen zum Fest kleine Tücher an den fast ausnahmslos mit Gittern versehenen Fenstern. Die meisten dieser Tücher sind mit Ornamenten versehen, an meiner Unterkunft steht ein schöner Spruch darauf:

 

"Es muchos mas difícil,                                      "Es ist viel schwieriger,                    

juzgarse a sí mis mismo que,                             über sich selbst so zu urteilen,

juzgas a los otros.                                                  wie du über andere urteilst.

Si consigues juzgarte tectamente                    Wenn du dich selbst richtig einschätzen kannst,

es que eres un verdactero sabio."                    bis du ein wahrer weiser Charakter."

 

"El Principito."                                                       "Der kleine Prinz."

 

Antoine de Saint-Exupéry                                   Antoine de Saint-Exupéry

 

Aus der Ferne dringt die Musik vom circa 300 Meter entfernten Festplatz ins Haus. Da muss ich jetzt dann nochmal hin, die Atmosphäre auf mich wirken lassen, ein Bier trinken und natürlich was essen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Liesl (Freitag, 09 September 2022 08:53)

    Ein schöner Spruch vom „kleinen Prinzen“

  • #2

    Wolfi (Freitag, 09 September 2022 12:25)

    Servus Liesl,
    ja, das ist ein schöner Spruch.
    Jetzt bin ich langsam aber sicher immer mehr gespannt auf deine Eröffnung.
    Liebe Grüße